Wie der Schneemann ins Rollen kam

Schnee ist vergänglich. Bauwerke aus Schnee lösen sich schon nach kurzer Zeit förmlich in Luft auf. Sie hinterlassen keine Spuren. Deshalb ist schwer zu sagen, seit wann Schnee als Baumaterial genutzt wird – von jungen wie von alten Baumeistern.

Aussagekräftige Originale fehlen. Wir sind auf indirekte Hinweise angewiesen. Spuren finden sich vor allem in alten Texten und Bildern. Sie geben das Leben der Menschen ihrer Zeit möglichst realistisch wieder.

„O that I were a mockery king of snow,
Standing before the sun of Bolingbroke, …“

aus Richard II., 4. Akt, 1. Szene
von William Shakespeare

Eine erste Spur?

In einer Biografie¹ über den italienischen Künstler Michelangelo berichtet dessen Zeitgenosse Giorgio Vasari von einer Schneefigur. Nachweislich vom 22. auf den 23. Januar 1494 hatte es in Florenz üppig geschneit. Im Auftrag von Piero de’ Medici soll Michelangelo im Hof des Palastes eine Statue aus Schnee geformt haben. Wie diese Figur aussah, verraten Vasari oder andere Quellen allerdings nicht. Schade.

Eine frühe literarische Erwähnung des Schneemanns findet sich, rund 100 Jahre später, um 1590 bei William Shakespeare. In seinem Drama Richard II. heißt es: „O that I were a mockery king of snow,
Standing before the sun of Bolingbroke, …“ oder zu deutsch: „O wär‘ ich doch ein Spott-König nur von Schnee, Der vor der Sonne Bolingbrooks zergeht, …“ Die Metapher setzt den König mit einer lächerlichen Schneefigur gleich, die im Sonnenlicht vergeht. Shakespeare betont so Vergänglichkeit und Unbeständigkeit der königlichen Herrschaft.

Noch immer auf der Suche nach dem Ur-Schneemann

Winterbilder ohne Schneemann

Erstaunlicherweise fehlen Schneemänner völlig in der Bildwelt der Renaissance. Das gilt für Maler wie Pieter Brueghel den Älteren (1525–1569). Auch sein Sohn, Pieter Brueghel der Jüngere (um 1564–1638), zeigt keine Schneemänner.

Dabei stellten beide das Winterleben sehr genau dar. In Szenen wie dem „Schlittenfahren“ hielten sie den Alltag der Menschen fest. Trotz all der winterlichen Motive taucht kein einziger Schneemann auf.

keine Schneemänner in den Wintermotiven alter flämischer Meister

Der Schneemann schafft es in Bücher

Erst um 1770 erscheint der Schneemann wieder. Diesmal in einem Liederbuch für Kinder:
„Der schöne Schneemann – ey wie groß!
Ein riesenmäßiger Colos! …“²

Auch das älteste bekannte Bild eines Schneemanns stammt aus dieser Zeit. 1778 schuf der Kupferstecher Daniel Chodowiecki ein Kalenderblatt. Es zeigt zwölf kleine Monatsbilder. Der Dezember stellt vier Kinder dar. Sie bewerfen einen mannshohen Schneemann mit Schneebällen. Das Blatt befindet sich heute im Kupferstichkabinett in Berlin.

So sah der Schneemann früher aus

Die frühen Schneemänner unterschieden sich deutlich von unseren heutigen Vorstellungen. Körper, Gesicht, Arme und Beine bestanden meist vollständig aus Schnee. Auch Hüte oder Knöpfe waren oft aus Schnee geformt. Sie wurden nicht nur einfach aufgesetzt.

Meist hielt der Schneemann einen Stock. Er war vermutlich weniger Schmuck als Stütze. Das vergängliche Kunstwerk sollte dadurch stabiler werden.

Der Schneemann als
Winterschreck

Ein Gedicht aus jener Zeit beschreibt ihn so:

„Seht, da steht er, unser Schneemann!
Das ist ein Geselle!
Stehet fest und unverzaget,
weichet nicht von der Stelle.
Schaut ihm in die schwarzen Augen!
Wird euch da nicht bange?
In der linken Hand, da hat er
eine lange Stange.“³

Ein Winterwesen mit finsterem Blick

Der frühe Schneemann wirkte keineswegs freundlich. Er erschien grimmig und bedrohlich. Dafür gab es einen einfachen Grund. Der Schneemann stand sinnbildlich für den Winter. Diese Jahreszeit war für die Menschen damals oft lebensgefährlich.

Gleichzeitig war der Schneemann ein Symbol für Vergänglichkeit. Er erinnerte an den Wandel der Jahreszeiten. Damit symbolisiert er auch den Kreislauf des Lebens.

Der Schneemann wird kinderfreundlich

Mitte des 19. Jahrhunderts änderte sich sein Bild grundlegend. Die Lebensbedingungen verbesserten sich. Auch in der Kindererziehung setzte ein Umdenken ein.

Das Spielen gewann an Bedeutung. Man erkannte seinen Wert für Kreativität und geistige Entwicklung. In pädagogischen Lehrbüchern erschienen nun Empfehlungen für kindliche Aktivitäten. Im Winter gehörte dazu auch der Bau eines Schneemanns.

Eine Anleitung beschreibt das so:
„… hat die warme Mittagssonne den Schnee etwas weich und feucht gemacht, so wird ein Schneemann gebaut, mit unförmig dicken Beinen und Armen, mit kurzem Halse und rundem Kopf, dessen mit Kohle geschwärzten Augen grimmig in die Welt hineinstarren.“⁴

Vom Griesgram zum Sympathieträger

Diese Grimmigkeit verlor der Schneemann bald. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde er zu einer beliebten Figur in Kinderbüchern. Er entwickelte sich rasch zu dem freundlichen Wintersymbol, das wir heute kennen.

Industrie und Wirtschaft spielten dabei eine wichtige Rolle. Das dreikugelige System eignete sich ideal für die Massenproduktion. Schneemänner ließen sich einfach und günstig aus Glas, Holz oder Watte herstellen. Sie wurden zu Winter- und Weihnachtsschmuck.Ein Gedicht aus jener Zeit beschreibt ihn so:

Der coole und smarte Pin-up-Boy

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts begann der Siegeszug der Postkarte. Er erfasste Europa und die USA. Die Verlage entdeckten den Schneemann als Überbringer von Neujahrsgrüßen. So festigte sich sein positives Image.

Auch sein elegantes Aussehen entstand in dieser Zeit. Schal und Zylinder wurden zu festen Bestandteilen.

Zugleich zog der Schneemann in die Werbung ein. Er ist schnell gezeichnet. Er verlangt kein Honorar. Seine runden Formen wirken freundlich. Er ist unpolitisch und ohne religiösen Hintergrund.

Während die Wirkung des Weihnachtsmanns am 24. Dezember endet, bleibt der Schneemann oft bis Februar präsent. In manchen Jahren sogar bis Ostern.

Der Schneemann ein weltweites Phänomen

So erklärt sich, warum wir heute mehr Schneemänner in Bildern, Figuren und Dekorationen sehen als draußen im Schnee. Der Schneemann hat sich von einer vergänglichen Winterfigur zu einem globalen und dauerhaften kulturellen Symbol entwickelt. Er ist das Symbol für den Winter.

Literaturverweise und Quellenangaben:
1.) Giorgio Vasari: Lebensläufe der berühmten Maler, Bildhauer und Architekten